Nachdem Defensor Pacis gestern über die Veröffentlichung der Carter-Gates durch WikiLeaks berichtet hat, wird nun mal ein Blick auf das die Botschafter-Kabel geworfen, die in Bezug auf die RAF von den Botschaftern nach Washington geschickt wurden. Dabei wurden historische Fakten miteinander verknüpft.

Die RAF hielt die Bundesrepublik über drei Jahrzehnte hinweg in Atem. Insgesamt gingen 34 Morde auf das Konto der RAF. Damals war die Bundesrepublik Deutschland noch jung und befand sich als Spielball der US-Amerikaner mitten im Kalten Krieg. Die WikiLeaks-Veröffentlichung von vorgestern war auch für die großen Medien interessant. So berichtete neben der Bild-Zeitung auch RP-Online über die Einschätzungen der US-Beobachter hinsichtlich des RAF-Terrors. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die Depeschen vermerkten Helmut Schmidts Zigarettenkonsum in dieser Zeit „stark angestiegen“ sei, so die Recherchen der Redakteurin.

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Das Logo der Rote Armee Fraktion (RAF) zeigt die Buchstaben vor einem roten Stern (ähnlich dem Symbol der Roten Armee der Sowjetunion) und einer Maschinenpistole Heckler & Koch MP5. Es wird manchmal gefragt, warum die Waffe in dem Logo ein gerades Magazin hat, während die meisten heutigen Bilder der MP5 ein gebogenes Magazin zeigen. Dies liegt daran, dass die MP5 bis 1976 tatsächlich ein gerades Magazin hatte, erst danach wurde es aus technischen Gründen durch ein gebogenes ersetzt. Der Logo-Zeichner, ein junger Grafikstudent, wusste vermutlich nicht, dass diese Waffe die Standard-MP der deutschen Polizei war (und bis heute ist). – Aus Wikipedia Quelle: www-rafinfo.de

Wie bereits gestern beschrieben, sind hierbei verschiedene Tatkomplexe durch WikiLeaks ans Licht gekommen, wobei es sich  um die Entführung von Hanns Martin Schleyer,  die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, die Entführung des Flugzeugs Landshut nach Mogadischu, die Tötung vom Dresdner Bank Chef Hans Jürgen Ponto und  die Selbstmorde der Köpfe der Ersten Generation der RAF Andreas Baader, Gudrun Ennslinn, Ulrike Meinhof und Jan Carl Raspe – auch bekannt als Todesnacht von Stammheim.

So ist der Mord an Ponto bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt und es bestehen auch immer noch Zweifel, ob die RAF-Terroristen sich tatsächlich umgebracht haben sollen. Wobei inzwischen die herrschende Geschichts-Meinung davon ausgeht, dass es sich um Suizid handelte. Es wurde immer wieder, zuletzt 2012, die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. Bisher immer ohne Erfolg.

Beispielsweise hielt man in einer Depesche fest, dass man besorgt auf die Entwicklung auf den Devisenmärkten blickte, nachdem Ponto in seinem Haus unter dem Vorwand des Besuches von Susanne Albrecht  von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt erschossen wurde, nachdem die Entführung Pontos mißglückte, und ein Geschoß aus nächster Nähe den Bankier in die Schläfe traf und Ponto an diesen Folgen in der Neurochirugischen Klinik in Frankfurt verstarb.

Eine weitere Depesche kündigte an, dass die Nachfolge von Ponto Helmut Haeusgen antreten wird, über dessen Leben die Munzinger Biographie einen Überblick gibt. Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und auch Susanne Albrecht sind inzwischen nach mehrjährigen Gefängnisstrafen wieder auf freiem Fuß. Susanne Albrecht hatte nur eine Haftstrafe von zwei Jahren verbüßen müssen und hatte nach den Recherchen von Stefan Aust nach der Erschießung aufgelöst gesagt:

Nein, das habe ich nicht gewollt. Wie soll ich das meinen Eltern erklären?

Albrecht arbeitete nach ihrer Haft unter anderem als Deutschlehrerin für Migrantenkinder. Einen Überblick über die Depeschen im Hinblick auf dem unten gezeigten Link um Tweet abrufbar.

Opposition gibt Regierung die Schuld

Weitere acht Dokumente wurden im Hinblick auf die Erschießung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback enthüllt. Buback war unter anderem als Chef-Ankläger und Aufklärer der Baader-Meinhof-Gruppe in Erscheinung getreten.

Wie bereits im ersten Artikel beschrieben, wurde Buback am 7 April 1977 in Karlsruhe mit einem halbautomatischen Maschinengewehr erschossen.

Seine Ermordung führte ebenfalls bei den Amerikanern zu Bedenken. In einer Depesche beschreiben die Amerikaner wie die Politik im Deutschen Bundestag sich mit der Erschießung von Buback und der Ursachen für eine derart großes Potential an Terroristen in Deutschland bilden kann.

Dabei warf die CDU/CSU als Oppositionspartei der damaligen sozial-liberalen Regierung unter Schmidt vor, dass ihre Erziehungs- und Bildungspolitik gerade ein Umfeld für ein terroristisches Potential geschaffen hat. Bubacks Nachfolger Kurt Rebmann wird als pro-amerikanisch in einer weiteren Depesche beschrieben.

Die acht Dokumente sind auf dem unteren Tweet von der Suchmaschine Cabledrum einsehbar.

Bei der Ermordung von Arbeitgeber Präsident Hanns Martin Schleyer, sind die Amerikaner auf dessen Nazi-Vergangenheit aufmerksam geworden. Schleyer war ein glühender Anhänger der Waffen-SS und trat sogar aus seiner Studentenverbindung aus, die während der NS-Zeit entweder verfolgt oder gleichgeschaltet wurden.

Der Grund war, dass das Corps Suevia zu Heidelberg sich nicht von seinen jüdischen Mitgliedern trennen wollte. Die Corps ließen zum großen Teil nicht von ihrem Toleranzprinzip während der NS-Zeit ab, wonach die Religion, Rasse oder Herkunft kein Hindernis war diesem Lebensbund beizutreten. Er trat aber nach dem Ende des Nazi-Regimes aber wieder ein. Die Amerikaner verfassten unter anderem folgendes Kabel (Depesche):

 Für die aktuelle Entführung ist es irrelevant, aber für weitere Ermittlungen haben wir die Akten von Schleyer besorgt. Dem Anschein nach ist Schleyer 1933 in die SS eingetreten, 1937 in die NSDAP. Bis 1944 war Schleyer mit dem Rang eines Oberleutnant in der Gestapo aktiv. Bis zum Ende des Krieges diente er im Hauptquartier der SS.

Zudem ging aus einer Depesche hervor, dass der damalige Kanzleramtsminister Wischnewski wegen der Schleyer Entführung nach Hanoi flog, um sich mit US-Vertretern zu beraten. Alle 34 Botschaftskabel sind auf diesem Tweet von Cabledrum verlinkt.

Ebenfalls wurden 38 Botschafterkabel zur Entführung der Landshut nach Mogadischu nach Washington geschickt. Diese stehen auch im engen Zusammenhang mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer, da man durch diese Entführungen die Gefangenen aus Stammheim befreien wollte, wie bereits im vorigen Artikel gezeigt wurde. Interessant fand Washington insbesondere die Stimmung im Deutschen Volk und die Haltung des Bundesverfassungsgerichtes, da der Sohn von Hanns Martin Schleyer vor dem Bundesverfassungsgericht prüfen ließ, ob der Staat verpflichtet sei, die Forderungen der Terroristen zu erfüllen.

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts lehnte den Antrag des Sohnes nach mündlicher Verhandlung am 15.10.1977 ab, wie im Urteil nachzulesen ist. Zudem kabelte man am 17.10.1977, dass die Zustimmung für das Verhalten von Helmut Schmidt sowohl gegenüber den Schleyer-Entführern, als auch gegenüber der Mogadischu -Entführung weitestgehend positiv rezipiert wurde. Die US-Diplomaten lobten den SPD-Kanzler ebenfalls für sein Krisenmanagement. Die 38 Botschaftskabel sind auf dem Wikileaks-Tweet verlinkt.

Natürlich wurde auch der Tod von Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe dem Weißen Haus gemeldet. Hierbei war unter anderem der baden-würtembergische Landesparteitag der CDU vom 21.- 22. Oktober in Offenburg via Depesche nach Washington gekabelt.  Dort wurde der umstrittene CDU-Ministerpräsident Filbinger wiedergewählt, der wegen seiner NS-Vergangen öfters im Fokus des öffentlichen Interesses stand. Filbinger sprach wie es aus dem Schriftstück hervorgeht, dass aktuell wegen den Selbstmorden eine „Kampagne gegen das Bundesland und die CDU“ geführt werde.

Filbinger war unter anderem auch als Ministerpräsident eines Landes, wo Mitglieder der RAF inhaftiert wurden, beim „Großen Krisenstab“ im Hinblick auf die Schleyer-Entführung, dabei, wo sich der Bundeskanzler für seine „Harte Linie“, wie es Stefan Aust in seinem Buch Der Baader-Meinhof-Komplex beschreibt. Hans Filbinger ist wegen seiner Tätigkeit als NS-Marinerichter bis heute eine umstrittene Figur. Der ehemalige Ministerpräsident sorgte in seiner Trauer-Rede nach Filbingers Tod für bundesweites Aufsehen, da er Filbinger als des Nationalsozialismus beschrieb.

„Anders als in einigen Nachrufen zu lesen, gilt es festzuhalten: Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes. […] Es bleibt festzuhalten: Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte.“

, resümierte der heutige Energie-Kommissar und wurde dafür scharf kritisiert. Alle Botschafter-Depeschen zum Selbstmord in Stammheim hat Wikileaks in diesem Tweet verlinkt.

Über die Geschichte der RAF sind drei Autoren hervorzuheben: Stefan Aust, Butz Peters und Gerd Koenen. Letzterer beschäftigte sich mit der Anfangszeit der RAF, also diese sich noch in der Gründungsphase befand und vor allem das Verhältnis zwischen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und dem verstorbenen Ehemann Ensslins Bernward Vesper befasst. Der Titel lautet Vesper, Ensslin, Baader.

Butz Peters geht in seinem Buch Tödlicher Irrtum davon aus, dass sämtliche Täter noch nicht gefasst wurden. Zur Hintergrundinformation wurde wie bereits oben zitiert das Buch von Stephan Aust Der Baader Meinhof Komplex.

Bisher haben deutschlandweit noch verhältnismäßig wenig Medien über dieses Thema publiziert. Allerdings hat WikiLeaks wieder mal gezeigt, dass man mit diesen neuen Enthüllungen bereits viel und investigativ aufbereitetes Material über die RAF viele Verknüpfungen herstellen kann, und man noch auf weitere spannende Enthüllungen sich freuen kann.

Wer sich weiters für die RAF interessiert, dem sei die Seite RAFINFO empfohlen, aus dieser auch einige Akteure verlinkt wurden. Über weitere Enthüllungen jenseits der RAF berichtet auch der Blog „This Day in WikiLeaks“.

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