Kriegsgefahr in der Ostukraine wächst: Warum es zu einem heißen Krieg kommen kann

„Bedenkt auch, wie unberechenbar der Verlauf eines Krieges ist, bevor ihr euch darauf einlasst“, sagte der griechische Stratege Thukydides, der circa von 460 bis 395 vor der Zeitenwende lebte. Er analysierte die Wendungen des jahrzehntelang andauernden Konflikt zwischen Athen und Sparta. Mehrere Jahrzehnte dauert – so gesehen – der Konflikt zwischen Kiew und Moskau an, wo sich schwere Kampfhandlungen abzeichnen.

Das ukrainische Militär verlegt seit Wochen schweres Gerät an die Trennlinie zum Donbass und auch an der Grenze zur Krim wird schweres Gerät verlegt. Gestern wurde berichtet, dass der Generalstab der Ukraine bereit für eine Frühjahrsoffensive ist. Der ehemalige Präsident der Ukraine, Petro Poroschenko, forderte gestern von seinem Nachfolger, Wolodymir Selenskij, die Kriegsanstrengungen zu intensivieren.

Das Ziel von Kiew liegt auf der Hand: die Krim und die besetzten Gebiete, die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk sollen wieder in die Ukraine eingegliedert werden. Während die Krim sich nach dem Maidan-Putsch 2014 per Volksabstimmung dazu entschieden hat, der Russischen Föderation beizutreten, tobt im Donbass ein Bürgerkrieg, der seit 2015 mehr oder weniger zu einem Stellungskrieg wurde.

Täglich berichten beide Seiten von Verletzungen der Waffenruhe. Mal durch Artilleriebeschuss, mal durch Granatbeschuss, mal durch Flachfeuer größeren Kalibers, mal durch gezielte Tötungen durch Scharfschützen. Mehr als Zehntausend Menschen haben ihr Leben durch den Donbass-Konflikt gelassen. Auf der Krim fiel indes noch kein scharfer Schuss und dort hat Russland seine militärische Präsenz massiv verstärkt.

Wie groß das Ausmaß an schweren Waffen, Schiffen, U-Booten und Flugzeugen wirklich ist, kann nur erahnt werden. Sollten die ukrainischen Streitkräfte es tatsächlich versuchen auf der Krim Fuß zu fassen, könnte sie ein schweres Artilleriefeuer erwarten. Das letzte erfolgreiche Wagnis, die Krim zu erobern gelang im Frühjahr 1942 durch die Wehrmacht unter der Führung von Generaloberst Erich von Manstein, der sich mit der 11. Armee erbitterte Kämpfe lieferte, um die Halbinsel Kertsch zu erobern. Das waren erbitterte Schlachten mit schweren Verlusten – vor allem für die Rote Armee, die sich schließlich der zahlenmäßig unterlegenen Wehrmacht ergeben musste. Zusammen mit Rumänischen Truppen gelang es der Wehrmacht, die strategisch wichtige Halbinsel zu erobern.

Zwei Jahre später wurde die Halbinsel wieder von der Roten Armee zurückerobert und die Deutsche Front wurde mehr und mehr zurückgedrängt. Aber diese Geschichte dürfte sich in diesem Jahr nicht wirklich wiederholen. Erstens ist die ukrainische Armee nicht im Ansatz so gut ausgebildet und ausgestattet wie es einst die ruhmreiche Wehrmacht war. Zweitens dürfte es am soldatischen Kampfgeist mangeln, der bislang immer nur durch Parolen aus Kiew beflügelt wird.

Ukraine verlegt Fahrzeuge gen Osten

Außerdem ist die russische Luftwaffe momentan Weltspitze. Das hat sie bereits im Syrien-Krieg durch Präszisionschläge gegen Stellungen gegen IS-Positionen bewiesen. Also eine militärische Zurückeroberung der Krim durch die Ukraine wäre schon eine militärische Sensation. Unwahrscheinlich wäre allerdings dann auch, dass man die Halbinsel auf Dauer halten könnte.

Schwierig genug dürfte schon die andere Front zum Donbass sein. Die Volksmilizen sind keineswegs so gut aufgestellt wie die russische Armee, die allenfalls dort Truppen des Militärgeheimdienstes GRU (GU) und private Söldner-Truppen von Wagner parat hält, die bereits vor sechs Jahren in der Schlacht um Slavyangrad ruhmreich gekämpft haben. Aber doch weitaus einfacher als das Vorhaben auf der Krim sein.

Der große Nachteil der Volksrepubliken Donezk und Lugansk ist, dass die Moral in der Bevölkerung gesunken ist. Das liegt vor allem daran, dass der ehemalige DonezkFührer Alexander Sachartschenko seit 2018 nicht mehr unter den lebenden verweilt und sich unter dem neuen Donezk-Führer Alexander Puschilin, ein Kleopkrat und Oligarch, die Zufriedenheit in der Bevölkerung verschlechterte.

Die jungen Talente nehmen lieber die russische Staatsbürgerschaft an und gehen nach St. Petersburg, weil man dort bessere Perspektiven sieht als im Donbass, wo der Lebensstandard sich unter dem Oligarchen Puschilin immer mehr verschlechtert. Auch die Warlords wie Alexander Khodarkowski genießen unter den Milizen keinen guten Ruf. Söldner verließen das Militär, weil sie nicht bezahlt wurden, so erzählen unsere Quellen die Schattenseite der Volksrepublik, die viele Westeuropäer in ihr Herz geschlossen haben, weil sie sich nicht der Euro-Kleoptokratie unterworfen haben.

Doch noch ist kein großer Krieg vom Zaun gebrochen, obwohl die Feindseligkeiten zunehmen und auch Kiew immer mehr schweres Gerät an die Frontlinie verschafft. Was allerdings Sorge bereiten soll, ist die Tatsache, dass die NATO gleichzeitig ihr Manöver Defender 2021 fährt, das auch in der Ukraine anläuft.

28.000 Soldaten aus 16 Nationen, darunter auch Beitrittskandidaten wie die Ukraine nehmen an diesen Manövern teil. Heer, Marine, Raketenabwehr, Fallschimjäger, Elektronische Kampfführung nebst Cybertruppen befinden sich bereits in der Ukraine. 2100 US-Soldaten stehen parat, nicht nur in der Ukraine, sondern auch im Baltikum und den osteuropäischen Staaten.

Das dürfte zumindest Russland davon abschrecken, sich nach Westen auszubreiten und gleichzeitig Kiew ein wenig mehr Selbstbewusstsein verschaffen, tatsächlich einen Angriff auf den Donbass zu starten. Doch schlagen die Russen zurück, dann dürfte es de jure nicht zu einem Angriffsfall der NATO kommen.

Denn erstens ist die Ukraine lediglich Beitrittskandidat der NATO und es dürfte noch Jahre dauern, bis das ukranische Militär auf NATO-Standard umgerüstet ist. Zudem haben außer die USA die Westpartner wie Deutschland und Frankreich ein Interesse daran, Krieg gegen Russland zu führen. Präsident Emmanuel Macron und Bundkanzlerin Angela Merkel sind im ständigen Dialog mit Russland, nicht nur im Hinblick auf die Gespräche in Minsk, die den Frieden in der Ukraine herbeiführen sollen, sondern auch im Hinblick auf den Iran, der zum Atomabkommen zurückkehren soll.

Einzig und allein die kleinen Ostblock-Staaten wetzen hier die Messer und hören auf die USA, die mit ihren Geheimdiensten, ihrem Geld und ihren Propaganda-Instrumenten, die Regime-Wechsel nicht zu vergessen, die ehemaligen Sowjetrepubliken gegen Russland aufhetzt. Dabei sind die Vereinigten Staaten im schlimmsten Fall, einem heißen Krieg in Europa fein raus, denn dieser spielt sich allenfalls in Mittel- und Westeuropa ab, nicht aber auf amerikanischem Boden, es sei denn Russland macht ernst und zündet Atomraketen in Richtung USA.

Stellung in der Ukraine

Ein politische Eskalation in Europa dürfte allerdings wahrscheinlich sein. Denn das ist der Tatsache geschuldet, dass in den USA ein Demokrat das Weiße Haus regiert. Und die Demokraten in den USA sorgen stets für mehr Probleme in Europa spätestens nachdem der Kalte Krieg zu Ende gegangen ist. Dass war unter US-Präsident Clinton in Jugoslawien der Fall, das war mit Barack Obama in Georgien und vor allem in der Ukraine der Fall, wobei hinter dem Maidan-Putsch auch das US-hörige Brüssel seine Finger im Spiel hatte.

Man sieht also, dass vieles derzeit im Osten möglich ist und die Lage so unberechenbar ist, wie sie Thukydides damals schon beschrieben hat. Es bleibt also abzuwarten, was sich in den nächsten Tagen und Wochen abspielt. In den Leitmedien ist es herzlich still um die Entwicklungen in der Ukraine, denn das Thema Corona-Pandemie dominiert die Schlagzeilen und wenn es auf einmal wieder zu „Breaking News“ auf allen Kanälen kommen soll, dann dürfte zumindest der Leser dieses Beitrages und Nachrichtenblogs etwas weniger überrascht sein.

Von Christian Saarländer

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