Kommentar: Das Saarlandmodell – nichts Halbes und nichts Ganzes?

Während man in Berlin immer wieder einen harten Lockdown ins Spiel bringt, geht man in Saarbrücken einen Sonderweg, ein Modellversuch, der seit einer Woche das kleinste Bundesland Deutschlands in aller Munde ist und heftig kritisiert wird.

Willkommensschild im Saarland. Quelle: Lessentiel.lu

Das Saarland hat eine Fläche von 2.569,69 km² und rund 987.000 Einwohner und kommt meistens in die Schlagzeilen, wenn es darum geht Vergleiche zu ziehen. Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte mal, man könne an einem Tag durch das Saarland mit dem Fahrrad fahren, was durchaus stimmen mag, wenn man mit dem Zweirad sportlich unterwegs ist.

Das Bundesland, das zwischen 1947 und 1957 den Saarstaat bildete und dann der Bundesrepublik Deutschland beitrat, wollen einige Politiker gerne auflösen und mit Rheinland-Pfalz zusammenlegen, vor allem wegen seiner geringen Größe und Einwohnerzahl, obwohl es in Europa genügend Kleinstaaten gibt, mit denen das Land im Südwesten Deutschlands durchaus mithalten kann. Das wird oft bei Diskussionen vergessen.

Vor allem wohl auch jetzt, nachdem sich Saarbrücken in der Pandemie gegen Berlin stellt und entgegen den Bundestrend auf Lockerungen setzt, anstatt ein verschärftes Hygiene-Regime zu verhängen, wie es beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wünscht. Die Außengastronomie, Fitnessstudios, Kinos und Theater sind geöffnet, solange die Infektionszahlen nicht konstant den umstrittenen Wert von 100 überschreitet.

Ein gewagter Schritt für den jüngsten Ministerpräsidenten Deutschlands, Tobias Hans (CDU), der wegen dem Saarland-Modell nicht nur bundesweit in der Kritik steht, sondern auch im eigenen Land, wo sich entgegen dem Bundestrend keine großen Querdenker-Demonstrationen abzeichnen, sondern die Saarbrücker Zeitung über eine Zero-Covid-Bewegung schreibt, die sich sofort einen harten Lockdown wünscht.

Im Saarland ticken die Uhren halt ein wenig anders als in Restdeutschland. Im Übrigen ist es das einzige Bundesland mit der Endung -land, was man berücksichtigen sollte, wenn man wieder über eine Zusammenlegung mit Rheinland-Pfalz nachdenkt. Vor allem die Wirtschaft leidet unter der Covid-19-Pandemie und die Saar, die einst von Kohle und Stahl geprägt war leidet unter dem Strukturwandel besonders, weswegen man verstärkt auf Tourismus und digitalen Wandel setzt.

Ob Lockerungen tatsächlich begründet sind, darüber scheiden sich die Geister. Gegen eine Lockerung spricht die Tatsache, dass die Infektionszahlen gestiegen sind und die Corona-Ampel inzwischen von grün wieder auf gelb geschaltet wird. Das mag wohl auch an der Testpflicht liegen, die auch für Personen gilt, die bereits eine Impfung hinter sich haben und ihre alten Freiheiten genießen wollen.

Doch was brachten die Lockerungen wirklich? Biergartenwetter sah in der letzten Woche anders aus und viele Betriebe stellten ihre Außenbestuhlung erst gar nicht auf. Das begründete Risiko auf einen verschärften Lockdown,

Für Sport und Kulturstätte dürfte es ein Aufatmen sein, die Pforten wieder zu öffnen – wenngleich auch mit Einschränkungen. Den größten Vorteil dürften Behörden haben, die nicht mehr dann einschreiten müssen, wenn mehr als fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten sich treffen, aber auch die Bürger, die kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn sie beispielsweise beim Besuch feststellen müssen, die sechste Person in einem Raum zu sein.

Von großen Lockerungen und einem Aufatmen kann allerdings nicht die Rede sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass vieles an lästige Schnelltests geknüpft ist, womit immer auch das Risiko besteht, dass man im Falle eines positiven Covid-19-Schnelltest letztlich in Quarantäne landet und nicht in der Eisdiele, im Biergarten oder im Theater landet.

Wie man sieht, sind die Lockerungen auch nichts Halbes und nichts Ganzes. Aber man darf das große Ganze, wenn man im Saarland, drüber sprechen darf, nicht vergessen. Wie bereits gesagt, sind Fläche und Einwohnerzahl überschaubar. Und vor allem das ländlich geprägte Nordsaarland besteht überwiegend aus Dörfern und kleineren Gemeinden, deren Einwohnerzahl sehr klein sind.

Es gibt Straßen in Berlin, die deutlich größer sind als so manches Dorf, Gemeinde oder gar (Klein- oder Mittel-) Stadt. Das muss alles berücksichtigt werden und in Relation gesehen werden. Doch nicht nur das Saarland wird für seinen Sonderweg kritisiert, sondern auch Schweden, das flächenmäßig mit 450, 295 Quadratkilometern deutlich größer ist als Deutschland (357,022 km), allerdings mit rund neun Millionen Einwohnern im Vergleich zu den 82 Millionen Einwohnern in Deutschland recht dünn besiedelt ist.

Solche Relationen vergessen Politiker, Virologen und andere Personen immer, die sich als Heilsbringer in der Pandemie aufspielen. Natürlich spielt der Gesundheitsschutz eine übergeordnet große Rolle und das Recht auf Leben und Gesundheit steht über dem Recht der Bewegungsfreiheit – oder gar der Meinungsfreiheit, die auch das Recht beinhaltet, einfach mal Ruhig zu sein, wenn man keine Ahnung hat.

Natürlich kann man Saarbrücken für seinen Sonderweg kritisieren, möglichweise auch als eine Fehlentscheidung bezeichnen, wenn die Zahlen derart in die Höhe schießen, dass es am Ende heißt: „Ausser Spesen nix gewesen.“ Aber man kann auch Berlin für viele Fehlentscheidungen kritisieren, beispielsweise dafür, dass man zu Beginn der Pandemie alles auf die leichte Schulter nahm und nicht frühzeitig in den Lockdown gegangen ist oder viele andere Pannen im Krisenmanagement, die man alle am Ende gar nicht nennen will.

Ist das Saarlandmodell nichts Halbes und nichts Ganzes? Möglich! Doch wie sieht das Krisenmanagement bundesweit oder gar weltweit aus? Diese Frage vermag man gar nicht beantworten wollen. Und außerdem ist das ehemalige Saargebiet schon immer wieder ein Land gewesen, wo bestimmte Modellversuche und Tests gemacht wurden, sei es im Bildungswesen, in der Wirtschaft und vor allem in der Europa-Frage.

Von Christian Lehmann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s