Russischer Rückzug aus Cherson: Taktik oder Schadensbegrenzung?

Gestern wurde sowohl in russischen als auch in westlichen Medien übereinstimmend berichtet, dass sich das russische Militär in weiten Teilen aus der Region Cherson zurückziehen werde. Während das russische Militär die „schwierige Entscheidung“ mit dem Schutz ihrer Soldaten begründete, feiern Teile der westlichen Medien bereits den nächsten „Sieg der Ukraine“.

Doch Kiew reagiert verhalten auf die Ankündigung Moskaus, dass sich ihre Truppen sowohl aus der Stadt als auch aus Teilen der Region zurückziehen wollen. Vielmehr geht man von einer Falle aus und wolle erst von einem militärischen Erfolg sprechen, wenn sowohl in der StadtC herson als auch in der gleichnamigen Region, die erst vor mehr als einem Monat von Russland annektiert wurde, die ukrainischen Fahnen wieder wehen.

Zugegeben, die russische Spezialoperation verläuft nicht optimal und die Zurückeroberung der Region Cherson wäre wohl die schmerzlichste Niederlage Russlands. Denn die gefeierten Erfolge der Ukraine in der Region Charkiw und Lyman von Ende September bis Anfang Oktober waren mehr oder weniger vorhersehbar und fanden vor der Annektion der Gebiete von Cherson, Saporischija, Donezk und Lugansk statt.

Es war aber auch vorhersehbar – und zwar im Vorfeld des Krieges, dass Russland nicht breite Teile der Ukraine in kürzester Zeit erobern und auch halten kann, auch wenn es am Anfang des Konfliktes so ausgesehen hat. Diesen Eindruck haben nicht unbedingt russische Medien so vermittelt, sondern die westlichen Medien. Man ging damals davon aus, dass Kiew wenige Tage nach dem 24. Februar fallen wird.

Ob das wirklich der Plan Moskaus war, lässt sich schwer nachvollziehen. Der Rückzug der Truppen Moskaus aus der Kiewer Region und in Teilen der Ukraine wenige Wochen später, erfolgte aus Basis von Verhandlungen zwischen den Unterhändlern beider Seiten. Die Gebiete, die später wieder von ukrainischen Truppen zurückerobert wurden, wie beispielsweise Butscha, gingen einem Rückzug Russlands, also freiwillig voraus.

Militärexperten vermuteten im April, dass es sich bei der großanlegten Offensive um einen „Scheinangriff“ gehandelt habe. Ein Scheinangriff ist ein taktischer Angriff, um gegnerische Kräfte breit zu binden, die dann in anderen Kriegsschausplätzen fehlen. Offiziell hieß es von russischer Seite immer wieder, dass man die Donbass-Regionen befreien wolle, die Ukraine entmilitarisieren und denazifieren wolle. Von einer vollständigen Eroberung der Ukraine war also nie die Rede, auch wenn die westliche Seite dies anders sieht.

Doch nun wieder zurück zu Cherson und der aktuellen Situation. Es finden nach wie vor Kämpfe und Schlachten in der Region statt und noch ist nichts entschieden. Es kann durchaus sein, dass es in der Stadt Cherson zu einer Kesselschlacht kommen könnte, sobald die ukrainischen Truppen dort einmarschieren werden. Und immer wieder wird von der russischen Seite angekündigt, dass der „Krieg“ jetzt erst in seine heiße Phase geht.

Und man muss bedenken, dass das russische Militär in den letzten Jahren, wie in Tschetschenien, oder im Zweiten Weltkrieg immer wieder große territoriale Verluste und schwere Niederlagen einstecken musste, aber am Ende doch die Oberhand behalten hat. Dies könnte mit der russischen Denkweise zusammenhängen, die man mit dem dort sehr beliebten Schachspiel vergleichen kann.

Es wird nicht an den kurzfristigen Erfolg gedacht, sondern man plant über mehrere Wochen, Monate, Jahre oder gar Generationen hin, während der Westen und Kiew sich immer an den schnellen Erfolg erfreut. Andererseits muss man wie oben bereits angeführt im Hinterkopf behalten, dass es wirklich nicht optimal für Russland in der Ukraine zu laufen scheint.

Ob das tatsächlich daran liegt, dass Moskau die Kampfkraft Kiews tatsächlich unterschätzt hat, die westlichen Waffensysteme und Unterstützung wirklich kriegsentscheidend sind, oder Moskau darauf setzt, dass man den Hochmut des Westens derart befeuern will, um daraus resultierende Fehler später auszunutzen, um den Kriegsausgang günstig zu beeinflussen.

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